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NZZ

NZZ / 8. Januar 1999

 

 

 

 

Im Zeichen der Birne

Daumier und Heine: Ausstellung in Düsseldorf

Heinrich Heine nennt in seinen Schriften den Namen Honoré Daumiers nicht ein einziges Mal. In den Texten «Über Frankreich» erwähnt er jedoch Daumiers Karikatur «Le Cauchemar» und beschreibt sie - als Teil einer ganzen Sequenz von Karikaturen zum selben Thema und Motiv - ein wenig ausführlicher: «Dort wieder liegt eine ungeheuer große Birne, gleich einem Alp, auf der Brust des schlafenden Lafayette [...].»
Mit der ungeheuer großen Birne ist der Bürgerkönig Louis-Philippe gemeint, den die Karikaturisten und Lithografen jener Jahre unermüdlich - paradox gesagt - veräppelten. Auf dem Markt der Karikaturen herrschte die Zeit reichster Birnenernte. Immer wieder wurde das zur Birne entstellte oder als Birne kenntlich gemachte königliche Antlitz und Haupt «Karikaturläden als Zielscheibe des Spottes ausgehängt». So richtig freilich konnte Heine an dieser wunderbaren Birnenvermehrung nicht Gefallen finden. Auch wenn er ihre «grenzenlose Wirkung» erkannte, so gingen ihm doch die «ewigen Spöttereien» und der «Unfug dieser Fratzenbilder» einigermaßen auf die Nerven.
An diesem «Obst», das Karikaturgeschichte geschrieben hat und das immer noch reift - man denke an die Helmut-Kohl-Birnen-Ära - kommt keine Ausstellung vorbei, die Honoré Daumier gewidmet ist. So wirkt denn auch die um Heine-Texte ergänzte Daumier-Ausstellung im Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut wie eine von der Birne inspirierte Schau der Metamorphosemöglichkeiten einer Frucht im Dienst der Karikaturisten. Der Zeichner und der Dichter, der - auch er ein großer «Karikaturist» - in seinem Werk immer wieder französische Zustände geschildert  hat, werden als  «zwei  Zeitmaler in Paris» vorgestellt.
Wie Heinrich Heine in seinen Korrespondenzartikeln für die Augsburger «Allgemeine Zeitung», so beschäftigte sich Daumier, aber auch manch anderer Karikaturist der Zeit, von denen ebenfalls Bilder gezeigt werden, natürlich nicht nur mit der «großen Birne», sondern auch mit anderen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und mit sozialen Zuständen und Verhältissen: Krieg und Armut, Reichtum, Seuchen: und Revolution. Die Ausstellung gibt Gelegenheit, Heines Zeit-Texte gleichsam mit Daumiers Auge zu sehen und Daumiers Zeit-Bilder mit Heines Worten zu lesen. (Bis 7. Februar) Rainer Hoffmann

 

 

 

 

RP

RP / 6. Dezember 1999

 

 

 

 

Heinrich Heine trifft Honoré Daumier

Doch die Birne blieb


Heinrich Heine und Honoré Daumier arbeiteten weder zusammen noch trafen sie sich jemals. Sie bewegten sich nur zur selben Zeit mit wachen Augen durch Paris. Der eine karikierte die Regierungszeit des Bürgerkönigs Louis Philippe (1830-1848) mit Worten, der andere mit Zeichnungen. Heine schrieb vor allem für die Augsburger Allgemeine Zeitung, Daumier zeichnete für die Satireschrift „La Caricature". Dass ihre Werke einander in „idealer Geschwisterschaft" ergänzen, so der Leiter des Heinrich-Heine-Instituts, Joseph Kruse, ist Grund genug, sie zusammen auszustellen. „Zwei Zeitmaler in Paris" heißt die Schau, die das Heine-Institut zusammen mit der deutschen Honoré-Daumier-Gesellschaft morgen um elf Uhr eröffnet.
72 Lithografien von Daumier und anderen Karikaturisten seiner Zeit vermitteln gemeinsam mit Texten aus Heines „Französische Zustände" ein lebendiges Bild der „Julimonarchie". Diese krankte von Beginn an (1830) an ungelösten politischen und sozialen Problemen. Die konstitutionelle Monarchie, die sich in der Gestalt Louis Philippes mit Filzhut und Spazierstock ein bürgerliches Aussehen gab, verbarg dahinter absolutistische Züge.
Vermutlich ausgelöst durch ein Graffito, stellten die Karikaturisten König Louis Philippe bald vornehmlich als Birne dar (dem deutschen Betrachter kommt der Vergleich irgendwie bekannt vor). Birne beim Drahtseilakt, als Sühne-Monument, als Albdruck - so ist sie in der Ausstellung vertreten, natürlich auch in den Skizzen von „Caricature"-Herausgeber Philipon, die die Verwandlung vom König zur Birne darstellten und die Birnenzeit überhaupt erst einleiteten.
Heine erhebt sich bisweilen über den inflationären Brauch dieses Bildes. Doch braucht es eines zweiten Blicks, damit man seine scheinbar harmlosen Mitleidsbekundungen für den Bürgerkönig als Bosheiten wahrnimmt. Und so nutzt auch Heine das Bild gern zur Beschreibung Louis Philippes: „Die Glorie seines Hauptes ist verschwunden, und der Unmut erblickt darin nur eine Birne."
Im zweiten Raum der Ausstellung stehen weitere Politiker der Julimonarchie im Mittelpunkt. Richtig bösartig wird Heine bei den Beschreibungen des ihm verhassten Comte de Sebastiani: „Aufgeblasene Nichtigkeit", „Dummheit auf der Zunge", „blechernes Gehirn" sind nur einige seiner Beschreibungen.
Die Ausstellung endet mit der letzten Ausgabe von „La Caricature" (27. August 1835) - das Blatt wurde verboten - und dem sarkastischen Resümee der vergeblichen Anstrengungen der Julikämpfer. Im Hinterkopf des Betrachters bleibt Heine: „Ihr werdet die Birne nicht fressen, die Birne frisst euch.“
KRISTINA HELLWIG

 

 

 

 

wz

Westdeutsche Zeitung / 6. Dezember 1999

 

 

 

 

Gesetzgebender Bauch

Ausstellung im Heine-Institut: Dialog von Wort und Bild mit Karikaturen des Zeichners Honoré Daumier

Von Andreas Wilink

„Die Birne ist, wie gesagt, ein stehender Witz geworden, und hunderte von Karikaturen, worauf man sie erblickt, sind überall ausgehängt." Worte Heinrich Heines, die sich beziehen auf „Französische Zustände" und Pariser Verhältnisse, nachdem dort Roi Louis-Philippe regiert und statt das Szepter zu schwingen, lieber mit dem Regenschirm stolziert, um sich als „Bürgerkönig" der Juli-Monarchie zu gerieren.
Honoré Daumier hat dieses Früchtchen - mit Backenbart - immer wieder gezeichnet; den Kern dazu gelegt hat sein Verleger Charles Philipon; und auch dieses Ur-Obst in seinen vier Ver-und Auswachsungen vom royalen Antlitz in die pralle ovale Birne hängt als eines von 72 Exponaten in der dank und auf Anregung der 1996 gegründeten Daumier-Gesellschaft zustande gekommenen und von Heidemarie Vahl organisierten Ausstellung des Heine-Instituts: „Zwei Zeitmaler in Paris".
Texte, Reportagen, kritische Tagesberichte des Dichters wurden sinnig in Dialog gebracht zu den Bild-Motiven, teils beziehen sich direkt auf sie. Als Heine die Sammlung als Buch publizieren wollte, stand auch in Deutschland die Restauration auf gegen ihn und seine liberale Position und griff ein.
Ein Gang entlang der Verkörperungen des so genannten Juste Milieu, das als Wechselbalg von der geschundenen „Liberté" im Wochenbett geboren wurde: bestehend aus Parlamentariern, Ministern, Justiz, Militär, Klerus, Professoren, Journalisten, Geldsäcken und Doktrinären. Daumiers (und seiner Kollegen wie Grandville) ätzender Stift graviert in das Gesicht der Bourgeoisie und ihrer scheinbaren Bonhomie Heuchelei, Kriechertum und Gemeinheit, Gier und Gefräßigkeit. „Daumier war zugleich geschmeidig wie ein Künstler und genau wie Lavater", beschreibt ihn Baudelaire.
Jedes Pfund ein König", so Heine. Wanst („Der gesetzgebende Bauch") und feiste Figur des Louis-Philippe schlagen immer wieder durch in diesen „Arcimboldesken" (benannt nach ihrer Technik der Form- und Gestalt-Montage): wie er parallel gesetzt wird zum  Rindviech („Boeuf gras"); wie er als grinsender Buddha thront; wie er Trauer heuchelt beim Begräbnis Lafayettes; wie er das kranke Volk, das schon mit beiden Beinen im Grabe steht, als scheinbar barmherziger Samariter verarztet, doch in Wirklichkeit als ein Kurpfuscher ausbluten lässt; wie er protzig, aufgeblasen und selbstgefällig ist - gleich den Repräsentanten seines Staates. Das Volk geht von der Last dieser schweren Birne in die Knie.
Kein Wunder, dass Daumier und Co. für ihre Darstellungen des Macaire'schen Zeitalters (noch so eine exemplarische Gaunerfigur) von der herrschenden Ordnungsmacht kontrolliert, drangsaliert, zensiert, kujoniert wurden. Sechs Monate Gefängnis auf Bewährung wegen Majestätsbeleidigung gab es etwa 1832 - nur ein Fall, und die Zeitschrift „La Caricature" musste 1835 eingestellt werden. Doch es ging weiter. Die kritische Kunst vervielfältigte sich. (Ausstellung: Eröffnung am Sonntag 11 Uhr u.a. mit einer Lesung Hanna Seifferts aus Heinetexten; bis 7. Februar; Katalog im Droste-Verlag und CD-ROM 19,80 Mark während der Schau, im Handel 24,80 Mark)

 

 

 

 

nrz

Neue-Rhein-Zeitung / 6. Dezember 1999

 

 

 

 

Als die Birne König war ...

Satire im Zeitraffer

Von JÖRG PEEPER

Birnen gibt es immer wieder. Schon 150 Jahre vor der Verbindung von Frucht und Bundeskanzler Helmut Kohl, zierte sie in Paris zahlreiche satirische Blätter und zielte auf den damaligen König: So in der Karikatur von Honoré Daumier „Herr Soundso, führender Seiltänzer Europas", auf der eine Birne mit Mantel, Schirm und Hut auf einem Hochseil balanciert. Zu sehen ist diese von 72 Zeichnungen in der amüsanten Ausstellung „Zwei Zeitmaler in Paris: Heinrich Heine und Honoré Daumier", die am Sonntag um 11 Uhr im Heinrich-Heine-Institut an der Bilkerstraße 12-14 eröffnet wird.
Mit der Frucht verulkt wurde hier der französische Bürgerkönig Ludwig Philipp, der durch die Revolution 1830 an die Macht gekommen war. Seine Unfähigkeit, die Bürgerrechte zu wahren, machte ihn schnell zur Zielscheibe der kritischen Zeichner wie Daumier oder Phillipon. Verbreitet wurden die Bilder in Satirezeitschriften, wie die 1835 verbotene „La Caricature".
Kritik literarischer Art übte Heinrich Heine, der zur gleichen Zeit in Paris lebte und als Korrespondent für die „Allgemeine Zeitung" in Augsburg dem deutschen Publikum berichtete. Auch er bediente sich der Zeichnungen, die Heine allerdings nur beschreibt. So finden sich neben der großen Anzahl von Karikaturen auch Heine-Berichte, die er später unter dem Namen „Französische Zustände" als Buch veröffentlichte. Auch zu sehen: Heines Vorwort zum Vorwort des Buches, das gleich nach seinem Erscheinen verboten wurde. Der Düsseldorfer Schriftsteller verteidigt hier seine Kritik gegen die Zensur der deutschen Behörden.
Für die Ausstellung ist neben dem Heine-Institut die aus Sammlern bestehende „Honoré-Daumier-Gesellschaft" verantwortlich, die auch alle Zeichnungen zur Verfügung gestellt hat. Eine Premiere für das Institut: Die Ausstellung kann über eine CD-ROM noch einmal durchschritten werden. Hierbei kann der Besucher auch einzelne Details aus den Zeichnungen betrachten und sich Texte erklären lassen. Den Spuren satirischer Federstriche kann noch bis zum 7. Februar '99 gefolgt werden. Der Katalog und die CD-ROM kosten jeweils 19,80 Mark, später im Buchhandel 24 Mark.

 

 

 

 

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