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Ein Tagelöhner der Presse – Kämpfer, Karikaturist und Medienmann der ersten Stunde
Vor 200 Jahren wurde Honoré Daumier geboren
La Caricature, 30. August 1832: „In der gleichen Stunde, da wir diese Zeilen schreiben, wurde unter den Augen seines Vaters und seiner Mutter Monsieur Daumier, ihre einzige Stütze, festgenommen.“ Honoré Daumier war der königlichen Obrigkeit, mit seinen gezeichneten Geschossen gegen ihre Person und Politik, schon längst ein Dorn im Auge. Mit dem „Gargantua“ verunglimpft Honoré Daumier im Dezember 1831 König Philipe als riesigen Birnenkopf, dessen Schergen ihm über eine Rampe die vom Volk abgepressten Tribute in den weit geöffneten Schlund schieben und die Günstlinge unter dem Thron – einem Toilettenstuhl nicht unähnlich – auf das warten, was für sie dabei rauskommt. Die Zensur schlägt im Februar 1832 zu: Sechs Monate Haft auf Bewährung. Doch schon im August erregen „Die Weißwäscher“ erneut den Zorn der Monarchie: Drei skrupellose reaktionäre Royalisten wollen aus der Trikolore wieder die weiße Bourbonen-Fahne machen. Der erst napoleonische und dann monarchistisch gewendete Marschall Soult, der Pariser Polizeipräsident Guisquet und der Generalstaatsanwalt Persil stehen an einem Waschzuber und schrubben an der Trikolore. “Das Blau geht zwar raus, aber diese teuflische Rot klebt wie Blut“, so der Untertitel der Lithografie. Wegen Majestätsbeleidigung wird Daumier ins berüchtigte Gefängnis Sainte-Pélagie gebracht. Philippon, Gründer derCaricature und späterer Verleger des Charivari, sollte ihm eine Woche später folgen. Nach fünf Wochen Haft schreibt Daumier – galgenhumorig aus „der Pension Guisquet“ – an seinen Freund und Kollegen Jeanron: „... Da sitz ich nun in Pélagie, einem reizenden Zufluchtsort, wo sich kaum einer freuen mag. Was mich betrifft, ich amüsiere mich, und sei es nur, um Opposition zu machen. ... hätte ich jetzt bloß ein bisschen mehr Tinte ...“
Honoré Daumier, geboren am 26. Februar 1808, war der wohl innovativste und produktivste Zeichner und Karikaturist des 19. Jahrhunderts. Daumiers Leben war sein – unheimlich umfangreiches – Werk. In rund 40 Jahren schuf er um die 4.000 Lithografien und über 1.000 Vorlagen für Holzstiche. Sein Freund, der Dichter Baudelaire, erklärte, dass Paris nur drei große Zeichner habe: Ingres, Delacroix und Daumier. Und Honoré de Balzac, in den 1830er Jahren ebenfalls Mitarbeiter der Caricature, äußerte schon damals: „Dieser Bursche da hat etwas von einem Michelangelo im Blut.“ Sein Vater, ein Handwerker und erfolgloser Poet, nutzte seine Kontakte, um das Talent seines Sohnes zu fördern: Alexandre Lenoir, ein Freund und Helfer der Familie, gab dem 15-jährigen Honoré Zeichenunterricht, er sah sein Talent, menschliche Gestik und Mimik einzufangen und sein besonderes Geschick für die plastische Darstellung. Ansonsten war Daumiers Schule das Leben, der Louvre und seine Künstlerfreunde, die er an der „Académie Suisse“ kennen lernte, jener unkonventionellen Lehrstätte ohne Lehrer, aus der auch Künstler wie Courbet, Delacroix, Pissarro, Monet und Cézanne hervorgingen. Für eine akademische Ausbildung mangelte es der Familie an Geld. Daumier musste mitverdienen, als Laufbursche für einen Gerichtsvollzieher und als Gehilfe beim renommierten Buchhändler Delaunay. Das Handwerk der Lithografie lernte er bei Belliard, bis er mit seinen Steinzeichnungen ab 1829 Geld verdiente und begann, seine Meinung kundzutun. Mit der Lithografie war Daumiers Schicksal von nun an untrennbar verknüpft. Die aus Deutschland – knapp 30 Jahre nach ihrer Erfindung – importierte druckgrafische Technik machte es möglich bebilderte Zeitungen in größerer Auflage, wöchentlich, ja täglich zu drucken.
Das Frankreich des 19. Jahrhunderts ist ein höllisches Paradies für Karikaturisten: die Revolutionen von 1830 und 1848, Napoleon III., die Niederlage gegen Deutschland 1870, Dritte Republik und Pariser Kommune ... und immer wirft die Zensur der Presse Knüppel zwischen die Beine. Als Karikaturist wird Daumier praktisch über Nacht populär, ein Star, vom Volk geliebt, von „Königs“ gehasst. Ihn treibt sein unbeugsamer humanistischer Idealismus er kämpft gegen Machtmissbrauch, Ungerechtigkeit und Unterdrückung wie einst Don Quichotte gegen Windmühlen; Zielscheibe seines Spotts sind Klerus, Politik, Justiz und das „groteske Treiben der Welt“; er kämpft für die Republik und um sein tägliches Brot. Daumier wird zum kritischen Medienmann der ersten Stunde – ein Tagelöhner der Presse. Dabei greift er raffiniert in die mediale Trickkiste: Für seine Serien entwirft er markante Typen, die jedermann kennt: auch ein Winkelzug, um der Zensur zu entgehen. Philippon regt die Figur des „Robert Macaire“ an, eines skrupellosen Emporkömmlings der Julimonarchie, den Daumier als windigen Yuppie-Typen karikiert. 1850 erfindet Daumier den „Ratapoil“, die haarige Ratte, eine schmierige, verschlagene, dürre Gestalt ohne Rückgrat, mit Gehrock, Zwirbelbart und Schlagstock, die den Bonapartismus verkörpert – Hinterhältigkeit, Heuchelei, Spitzeltum und nackte Gewalt des zweiten Kaiserreichs.
Unvergleichlich ist Daumiers Gefühl für Physiognomien, Charaktere und menschliche Szenen, die er in seinen kraftvollen Studien und Karikaturen plastisch werden lässt. Mit ihnen entlarvt er Schrullen und Torheiten, die dunklen Seiten der menschlichen Natur – jeder Federstrich ein Treffer. Wo die Sprache an die Grenzen – der Zensur – stößt, erzählt Daumier Geschichten ohne Worte. Mit seinem oft erfrischend skizzenhaften Stil, durchbricht er die Regeln der Akademien. Sein suchender Strich wird für die Impressionisten wegweisend. Daumier reduziert, um auf das Wesentliche zu lenken und später vielleicht auch, weil seine Sehkraft nachlässt. Er zeichnet von Anfang an direkt mit Kreidestiften auf den Stein und kultiviert Strichstärke, Schraffierung, Wischung und Hell-Dunkel-Kontraste in der Lithografie bis zur Perfektion. „Was die bemerkenswerte Eigenart Daumiers vervollständigt und aus ihm einen besonderen Künstler macht, der zur erlauchten Familie der Meister zählt, ist die Farbe, die seine Zeichnungen von Natur aus haben“, schrieb Baudelaire über Daumier, „... er lässt einen die Farbe so erraten wie den Gedanken.“
1860, nach über 30 Jahren Arbeit für die Satirezeitschriften LaCaricature und LeCharivari stellt Verleger Philippon seinem langjährigen Weggefährten Daumier den Stuhl vor die Tür – vielleicht aus Neid. Auf Proteste der Leserschaft, rechtfertigt sich Philippon mit einer beleidigenden Suada, als habe er sich damit nur dem Willen seiner Abonnenten gebeugt. Der Existenzgrundlage beraubt, entpuppt sich Daumier als optimistischer Fatalist. „Ich will malen, ich muss malen!“, sagt er und fühlt sich zum ersten Mal in seinem Leben frei, um seiner eigentlichen Berufung zu folgen und Maler zu werden. Obwohl Daumier als eher introvertierter Mensch galt, hatte er sich doch einen beachtlichen Freundeskreis erschlossen, der ihn in dieser Zeit immer wieder finanziell auffing, sei es durch Bilderkäufe – Rousseau etwa erwarb ein Gemälde für 1.500 Franc von ihm – oder mit geliehenem Geld. Zu seinen besten Freunden zählten schon damals erfolgreiche Künstlerkollegen wie Daubigny und Corot – der ihm sogar sein Häuschen in Valmondois finanziert haben soll –, Geoffroy-Dechaume, Baudelaire, Carjat...
(Zu) Späte Ehrungen: Den Orden der Ehrenlegion, den ihm die verhasste napoleonische Regierung 1870 verleihen will – zum Zeichen ihrer „Liberalität“ – lehnt er schnöde ab. Die ihm gewidmete große Ausstellung 1878, im Jahr vor seinem Tod war ein künstlerischer Triumph, aber ein finanzielles Fiasko. Die betuchte Kundschaft hatte er vergrault und sein Ruf als Kunsthandwerker hat seine Anerkennung als Künstler sabotiert. Ein lebenslanger quichottesker Kampf gegen Windmühlen für eine bessere Welt und für die Anerkennung seiner Kunst geht am 10. Februar 1879 zu Ende. Vincent van Gogh würdigte ihn 1888: „Leute wie Daumier muss man hoch achten, denn sie gehören zu den Bahnbrechern“. Wirklichen Anklang finden seine Blätter aber erst im 20. Jahrhundert, und das vor allem jenseits der französischen Grenzen.
(c) Britta Weichert
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin
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