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Sächsische Zeitung Donnerstag, 29. April 2004
Europäische Visionen Städtische Museen Zittau zeigen politische Blätter des Franzosen Honoré Daumier Von Birgit Grimm
Im Rahmen der EU-Erweiterungsfeiern zeigen die Museen Zittau ab Sonntag die Ausstellung „Honoré Daumier – aktueller denn je“.
Er war der Sohn eines Glasers, Rahmenmachers und Hobbyschriftstellers. Er war ein begnadeter Zeichner und ein gnadenloser Beobachter des Pariser Lebens und der politischen Entwicklungen seiner Zeit. Und fleißig, unendlich fleißig war er auch. Neben zahlreichen Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen und Holzstichen schuf der Franzose Honoré Daumier (1808 – 1879) in 40 Jahren 4 000 Lithografien, viele davon mit flinker Hand zu aktuellem Zweck.
1830, im Jahr der Juli-Revolution, hatte der Pariser Verleger Charles Philipon die Wochenzeitschrift „La Caricature“ gegründet und dafür Schriftsteller und Künstler um sich geschart. Vier Seiten Text und Anzeigen wurden pro Ausgabe gedruckt mit zwei bis drei aktuellen Bildsatiren, eingelegt als lose Blätter. Möglich war das, nachdem der Münchener Theaterschriftsteller Alois Senefelder in den 1790er Jahren die Lithografie erfunden hatte, eine Technik, bei der der Künstler mit besonderer Kreide auf eine Kalksteinplatte zeichnet. Ist der Zeichner ein Könner, geht sein Werk viel schneller in Druck als es bei einer Radierung oder einem Holzschnitt möglich wäre. Und Daumier war ein Könner. „Außerdem hatte er ein absolutes bildnerisches Gedächtnis. Noch nach einem halben Jahr konnte er aus der Erinnerung das Porträt eines Menschen zeichnen“, erzählt Werner Büsen. Der Vorsitzende der Deutschen Daumier-Gesellschaft hat 80 Blätter für die Ausstellung „Honoré Daumier – aktueller denn je“ ausgewählt und übt damit, was der Künstler Zeit seines Schaffens getan hat: Sich auf einen Aspekt – das Wesentliche – zu konzentrieren. „Wir zeigen in Zittau nur Blätter, die in ihrer Aussage bis heute gültig sind“, sagt Büsen. Wie jene Hauptwerke aus der Hochzeit der politischen Karikatur.
Als „La Caricature“ der Zensur zum Opfer fiel, widmete sich Daumier allgemeinen menschlichen Schwächen. Doch auch da schuf er politische Satire: Zeigt das hinterhältige Gebaren der Börsianer mit der Figur des Finanzgauners Robert Macairean; prangert die käufliche Justiz und die so korrupte wie skrupellose politische Führung eines Napoleon III. an. Wie Daumier sich Mitte des 19. Jahrhunderts treffsicher der Ausländerproblematik im eigenen Land zuwandte und wie er den Fragen von Krieg und Frieden nachspürte, das provoziert heute und hier Nachdenken, Traurigkeit, und höchstens bitteres Lachen. Der 1867 mit Hilfe Daumiers auf die Erde zurückgekehrte Galileo Galilei, so scheint’s, möchte freiwillig widerrufen: Rund ist die Erde zwar, aber von Bajonetten durchbohrt.
Zwischen 1866 und 1869 widmet sich Daumier der Figur der Europa, einer Frau im antiken Gewand, die eine Mauerkrone trägt. Einmal balanciert Europa auf einer Kanonenkugel, die schon gezündet ist. Auf einem anderen Blatt schlummert sie als schwebende Jungfrau auf einer Bajonettspitze. Daumiers europäische Visionen stehen in ihrer Bitterkeit und Bedrängnis sehr bewusst neben den Jubelfeiern dieses Wochenendes. Blitzartig ist die Welt aus dem Gleichgewicht gebracht; ewig dauert es, die Balance herzustellen.
„Honoré Daumier – aktueller denn je!“ im Kulturhistorischen Museum Franziskanerklosterkirche Zittau vom 2. 5. bis 25. 7., 10 – 12 und 13 – 17 Uhr, montags geschlossen, Pfingstmontag geöffnet.
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